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Thema: Psychologie

10 Knigge-Tipps zu Behinderungen

Von Babysprache bis Ignoranz: Manchmal läuft die Kommunikation zwischen Menschen mit und ohne Behinderung schief. Ein kleiner Knigge mit zehn Tipps, wie man offen aufeinander zugeht
von Juliane Gutmann, aktualisiert am 09.10.2015

Keine Scheu: Blickkontakt und ein freundliches Wort gehören zu jeder Begrüßung

Jupiter Images GmbH/Thinkstock Image

Obwohl die Frau im Rollstuhl die S-Bahn nicht nehmen will, schiebt sie ein Passant hinein. Oder die Kellnerin fragt die Frau, was ihr blinder Mann trinken will. Treffen Menschen ohne Behinderung auf Rollstuhlfahrer, blinde oder gehörlose Menschen kann es zu gut gemeinten, aber unpassenden Aktionen und Gesprächen kommen. Viele wissen nicht genau, wie sie sich verhalten sollen, sind unbeholfen. Am besten sofort Hilfe anbieten? Oder fühlen sich Menschen mit Handicap dadurch belästigt?

"Behandeln Sie grundsätzlich alle Menschen so, wie Sie selbst behandelt werden möchten – ganz normal mit Anstand und Respekt", sagt Marian Indlekofer vom Sozialverband VdK Bayern, der das Ressort "Leben mit Behinderung" leitet. Eine Behinderung sei nur eines von vielen Merkmalen, auf das Menschen nicht allein reduziert werden sollten. "Die Sprache hat hier große Kraft", sagt Indlekofer: "Sprechen Sie beispielsweise nicht davon, dass Sie ein behindertes Kind betreuen, sondern schlichtweg auf Markus aufpassen."

Normal ist, dass jeder seine Eigenheiten und Bedürfnisse hat. Das gilt für Menschen ohne genauso wie für Menschen mit Behinderung. "Nur, weil jemand eine Behinderung hat, fällt er nicht aus der Norm oder kann beruflich oder körperlich nichts erreichen", so Indlekofer. Paralympics-Sportler sind ein gutes Beispiel. Genauso stöckelten auf der New York Fashion Week nicht nur die üblichen Magermodels über den Laufsteg, neben ihnen liefen auch Mannequins mit körperlicher oder geistiger Behinderung über die Bühne. Die klare Botschaft: Man muss nicht dem Schönheitsideal entsprechen, um schön zu sein.

Kleiner Knigge für den respektvollen Umgang miteinander

Ein Leitfaden soll helfen, dass sich Menschen mit und ohne Behinderung offen und respektvoll begegnen können. Entwickelt wurden die zehn Tipps vom Deutschen Knigge-Rat und dem Verein "Der Paritätische Hessen". Beraterinnen waren Esther Weber, Paralympics-Siegerin 1992 im Fechten, und Katja Lüke, selbst Rollstuhlfahrerin, die die Erfahrungen und Wünsche von Menschen mit Behinderungen gesammelt und in die Verhaltensempfehlungen eingebracht haben.

1. Small Talk: Keine plumpe Neugier

Plumpe Neugier ist im Small Talk generell tabu. Fragen Sie Ihren Gesprächspartner nicht, warum oder seit wann er eine Behinderung hat. Wenn er will, wird er Ihnen die Geschichte erzählen. Anstarren gehört nicht zu den guten Umgangsformen. Bedenken Sie, dass auch blinde Menschen Blicke spüren.

2. Alltag: Unterstützung anbieten – und abwarten

Generell ist es höflich, wenn Sie Ihre Hilfe anbieten. Noch höflicher ist es, geduldig auf die Antwort zu warten. Viele Menschen werden vor lauter Hilfsbereitschaft handgreiflich, doch einen Übergriff hat niemand gern. Akzeptieren Sie freundlich, wenn jemand Ihre Hilfe nicht in Anspruch nehmen möchte. "Viele Menschen leben schon seit Jahrzehnten mit ihrer Behinderung und kommen gut damit zurecht", sagt Marian Indlekofer vom Sozialverband VdK Bayern: "Seien Sie nicht beleidigt, falls jemand ein wenig schroff Ihre Hilfe ablehnt, vielleicht ist er schon zum 30. Mal gefragt worden an dem Tag."

3. Anrede: Reden Sie mit dem Menschen – nicht über ihn hinweg

Viele Menschen mit Behinderungen wundern sich, dass sie in der Anrede übergangen werden. Da wird dann zum Beispiel die Begleitperson gefragt: "Möchte Ihre blinde Tochter noch etwas essen?" Haben Sie keine falschen Hemmungen, den Menschen mit Behinderung direkt anzusprechen.

4. Respekt: Beachten Sie die Distanzzonen

Gerade für Menschen mit Behinderungen ist es besonders wichtig, dass andere die Distanzzonen beachten. Fremden erwachsenen Menschen sollte man selbstverständlich nicht ohne weiteres den Kopf streicheln oder die Schulter tätscheln. Auf keinen Fall den Blindenstock verlegen, die Position des Rollstuhls verändern oder ihn gar als Garderobenständer missbrauchen. Hilfsmittel sind für Menschen mit Behinderungen etwas sehr Persönliches und für Fremde tabu. Eine fremde Handtasche würde man schließlich auch nicht ohne weiteres ergreifen. Denken Sie auch daran, dass der Blindenhund "bei der Arbeit" ist und lenken Sie ihn nicht ab. Fragen Sie gegebenenfalls nach, ob Sie ihn streicheln dürfen und akzeptieren Sie, wenn die Antwort "nein" lautet.

5. Normalität: Keine Angst vor Redewendungen

Sagen Sie ruhig "Auf Wiedersehen" zu einem blinden Menschen und fragen Sie die Rollstuhlfahrerin, ob sie mit Ihnen "spazieren gehen" will. An diesen gängigen Formulierungen stören sich Menschen mit Behinderungen in der Regel nicht.

 

Raúl Krauthausen, Journalist, Elektrorollstuhlnutzer und Träger des Bundesverdienstkreuzes, sagt: Es nervt mich, ...


  • ... wenn mir ständig Leute erzählen, dass sie auch jemanden kennen, der eine Behinderung hat. Denn das heißt noch lange nicht, dass das eine prima Gesprächsgrundlage ist.
  • ... dass sich viele Menschen nicht trauen, mir ihre ehrliche, auch negative Meinung zu sagen. Denn wie schon der Liedermacher Funny von Dannen singt: "Auch Lesbische, Schwarze, Behinderte können ätzend sein."
  • ... wenn andere Leute denken, ich würde nur leiden und hätte es ja sooo schwer im Leben.

6. Sorgfalt: Vorsicht vor Diskriminierung

Sprachliche Sorgfalt ist gefragt, wenn Sie über Menschen sprechen. Gehörlose sind nicht taubstumm, sondern kommunizieren über die Gebärdensprache und sind gehörlos, aber nicht stumm. "Mongoloismus" ist keine Diagnose, sondern eine Diskriminierung. Sprechen Sie von "Down-Syndrom" oder von "Trisomie 21". Reden Sie statt von "Behinderten" besser von "Menschen mit Behinderung".

7. Ansehen: Suchen Sie Blickkontakt

Sie schenken einem Menschen Ansehen, indem Sie ihn ansehen. Für schwerhörige Menschen ist diese Höflichkeit besonders wichtig, da Mimik und Gestik beim Verstehen helfen. Wer schon einmal einen Referenten erlebt hat, der beim Schreiben mit dem Rücken zum Publikum redet, kennt den Effekt. Wenden Sie Ihr Gesicht zum Gegenüber, doch vermeiden Sie es, ihn anzuschreien oder in Babysprache zu sprechen. Schwerhörigkeit sollte nicht mit Begriffsstutzigkeit verwechselt werden.

8. Beachtung: Der Dolmetscher hat die Nebenrolle

Wenn ein Gebärdensprachdolmetscher im Einsatz ist: Sehen Sie beim Sprechen nicht den Dolmetscher, sondern Ihren Gesprächspartner an, und wählen Sie die direkte Anrede mit "Sie" bzw. "Du". Ihr Gesprächspartner hat die Hauptrolle, der Dolmetscher die Nebenrolle. Dies stellt für den Gebärdensprachdolmetscher keine Unhöflichkeit dar. Generell gilt: Erwachsene Menschen mit und ohne Behinderung werden gesiezt. Bleiben Sie beim Sie oder klären Sie die gleichberechtigte Anrede. Etwa: "Wollen wir Du zueinander sagen?"

9. Information: Kommunizieren Sie besser zu viel als zu wenig

Gerade für blinde Menschen ist es wichtig, dass Sie ausgiebig kommunizieren, zum Beispiel bei der Begrüßung. Sagen Sie: "Hallo Max, ich bin's, Sabine. Herr Müller kommt auch gerade zur Tür herein." Geben Sie Bescheid, wenn Sie Ihren Platz verlassen. So vermeiden Sie, dass Ihr Gegenüber sich später mit einem leeren Stuhl unterhält, weil er denkt, Sie wären noch da. Das ist für den blinden Menschen sehr unangenehm. Tipp: Achten Sie bei der Begrüßung auf die Körpersprache des blinden Menschen und fragen Sie "Wollen wir Händeschütteln?". Bedenken Sie, dass der Handschlag eine wichtige Möglichkeit ist, um Informationen über Sie zu erhalten und Sie zu begreifen. Fragen Sie beim Ortswechsel: "Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?"

10. Bewusstsein: Die Behinderung ist nur ein Merkmal von vielen

"Eine Rollstuhlfahrerin ist eine Frau und außerdem vielleicht Angestellte, Vereinsmitglied, Mutter oder Temposünderin. Die Behinderung ist nur ein Merkmal von vielen", sagt Katja Lüke. Verzichten Sie darauf, Menschen auf die Behinderung zu reduzieren. Eine Bemerkung wie zum Beispiel "Wie toll, dass Sie trotz Ihrer Behinderung mobil sind" ist genauso unpassend wie "Als Frau können Sie aber relativ gut Auto fahren". Begreifen Sie Andersartigkeit nicht als Makel, sondern als Vielseitigkeit: Behinderte Menschen können vieles, was Nichtbehinderte erstaunt.



Bildnachweis: REUTERS / ERIC THAYER, REUTERS / ANDREW KELLY, Jupiter Images GmbH/Thinkstock Image, REUTERS / SERGEI KARPUKHIN

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